Invasion und Migration – Begriffe und Legenden

Es ist sicherlich ein Gemeinplatz, festzustellen, dass die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Migration ist. Zu allen Zeiten haben Menschen die Orte gewechselt und sich auf der Erde ausgebreitet. Auch die neue Geschichte ist wesentlich von diesen Bewegungen geprägt. 60 Millionen Europäer sind in die Neue Welt aufgebrochen und haben die USA gegründet und entscheidend ermöglicht, wie wir sie heute kennen. 1973 wies Saudi Arabien innerhalb von nur drei Monaten 88.000 Ausländer aus, in den 1980er Jahren verließen einige Hunderttausend Iren ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen. Schon immer flohen tausende Menschen vor Hunger und Bürgerkrieg. Aber viele auch schlicht, weil sie sich anderswo wirtschaftlich bessere Chancen erhofften.

Eines unserer Grundannahmen ist die, dass im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung Völkerwanderungen unseren Kontinent prägten und die Grundlagen für das heutige Europa legten. Jeder hat die illustrierten Bilder vor Augen, wie tausende Germanen über den Limes klettern und mit Männern, Frauen und Kindern nach Rom marschieren. Jeder wird die Karten aus der Schulzeit vor Augen haben, wo die Germanen von hier nach dort, die Vandalen von links oben nach rechts unten und Wikinger, Goten, Hunnen über den Kontinent fluteten. Diese Bilder muss Papst Franziskus wohl auch vor Augen gehabt haben, als er von der „arabischen Invasion“ sprach im Hinblick auf die derzeitigen Flüchtlingsbewegungen.

Zu diesem Thema lese ich gerade ein Buch, das ich sehr empfehlen möchte: Es stammt von dem britischen Historiker Peter Heather und trägt den etwas reißerischen Titel „Invasion der Barbaren“ (2. Auflage 2011, erschienen bei Klett-Cotta). Heather beschreibt diese „Invasionstheorie“ über das erste Jahrtausend und macht sehr deutlich, warum die Bilder von den pelzbekleideten Völkerscharen aus den dunklen Wäldern Europas eigentlich wissenschaftlich schon seit den 60er Jahren widerlegt sind. Es gab sicherlich Feldzüge (man nehme nur die Schlacht im Teutoburger Wald), aber archäologische Funde und historische Quellen lassen darauf schließen, dass es wohl keine großangelegten ethnischen Säuberungen gab, sondern viel mehr die Übernahme von Kulturtechniken, Riten und den Austausch von Eliten, die unseren Kontinent formten. Auch die Motivation von Migranten muss individuell betrachtet werden. Der Aufbruch in eine neue Welt erforderte schon seit alters her einen sehr großen materiellen und persönlichen Einsatz: der Aufbruch aus der Heimat war stets mit Opfern verbunden.

Was sagt uns das? Dass wir bei der Wahl der Worte vorsichtig sein sollten. Eine „Invasion“ gibt es derzeit nicht, das ist kein durchdachter Plan. Mit der Tatsache, dass sich unsere Gesellschaft unter integrativen Aspekten mit den Flüchtlingen rechtlich, logistisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich beschäftigen muss, hat der Papst sicherlich Recht. Aber ich warne auch von dem derzeit durch die linken Diskussionen geisternden Begriff, wir bekämen eine „neue Gesellschaft“. Ich bin mit der alten ganz zufrieden. Und die Menschen, die zu uns kommen, tun dies, weil wir hier Wohlstand, Frieden und Sicherheit bieten. Dies ist ein Ergebnis unserer offenen Gesellschaft, unseres Rechtsstaats, unserer Ordnung der sozialen Marktwirtschaft, der Gewaltenteilung und des Grundsatzes der Toleranz. Dafür sollten wir selbstbewusst einstehen und nicht mit falschen Legenden und Begriffen aus vergangenen Jahrtausenden operieren oder alt-linke Morgenluft wittern.