Reden, Reden, Reden…

Der Wahlkampf ist jetzt immerhin schon so weit, dass ich über ausreichende Erfahrungen mit Podiumsdiskussionen verfüge. Am vergangenen Freitag habe ich mal die Redezeiten von meinen Mitbewerbern und mir genauer betrachtet. Auffällig war, dass ich mich immer am kürzesten gehalten habe. Habe ich nicht viel zu sagen? Oder ist es so wie in dem Gedicht von Joachim Ringelnatz, „Das Hexenkind“, in dem es heißt: „Dort galt sie als verstockt, verlogen, weil sie kein Wort gesprochen hat“? Ich halte mich aber weniger für verstockt oder verlogen und sprechen kann ich auch. Darüber habe ich jetzt mal nachgedacht, weil dies ja den verbalen Diskurs in der Politik generell betrifft. In unzähligen Podiumsdiskussionen live und im Fernsehen wird sehr viel geredet und geredet und geredet. Ich bin zu folgenden Annahmen gekommen: Zum einen ist bei vielen Parlamentariern (von parlare = reden) rhetorische Präsenz gleichgesetzt mit körperlicher und politischer Präsenz. Viele denken offenbar, dass wenn sie aufhören zu reden, dann verschwinden sie wie die Cheshire Cat in Alice im Wunderland.

Das zweite ist unser übliches Diskursverhalten im Alltag Kurt Tucholsky hat eine nette kurze Geschichte mit dem Titel „Man sollte mal…“ geschrieben, in der er zeigt, dass wir uns natürlich nicht wie in den Büchern miteinander unterhalten. Darin schreibt er: „Das oberste Gesetz ist: Der Gesprächspartner ist schwerhörig und etwas schwachsinnig – daher ist es gut, alles sechsmal zu sagen. »Darauf sagt er, er kann mir die Rechnung nicht geben! Er kann mir die Rechnung nicht geben! Sagt er ganz einfach. Na höre mal – wenn ich ihm sage, wenn ich ganz ruhig sage, Herr Wittkopp, gehm Sie mir mal bitte die Rechnung, dann kann er doch nicht einfach sagen, ich kann Ihnen die Rechnung nicht geben! Das hat er aber gesagt. Finnste das? Sagt ganz einfach … « in infinitum.“ Wir reden aneinander vorbei, antworten nicht auf eigentliche Fragen und vor allem scheinen wir im Alltag dauernd von schwer begriffsstutzigen Menschen umgeben zu sein, denen wir alles mehrfach erklären müssen. Da heißt es dann nicht: „Räum das Geschirr in die Maschine und schalte sie ein“, sondern: „In der Küche sieht es ja wieder aus! Wo das dreckige Geschirr immer herkommt! Alles reingetrocknet! Also räum das in die Maschine. Oder weich es vorher nochmal ein. Oder räum es gleich in die Maschine. Schaffst Du es, es in die Maschine einzuräumen? Vor kurzem musste man ja Klarspüler nachfüllen. Da ist ja keiner mehr da gewesen,. Also hab ich einen gekauft. Ich hab es nachgefüllt, jetzt kannst Du es einräumen. Warum muss ich eigentlich immer…“  So geht menschliche Konversation. Und so reden natürlich auch Politiker mit Menschen. Nicht: Frage – Antwort mit Begründung und Schlussthese, sondern: Frage – Beschreibung der politischen Umstände und Konsequenzen, Beschreibung der eigenen Lebenserfahrungen damit, Schilderung der bisherigen Diskussion und Benennung möglichst vieler Gesetze und Zahlen, Erläuterung der eigenen Überlegenheit, Ausblick und nochmals politische Konsequenzen. Schon sind wieder zehn Minuten vergangen.

Der dritte Grund ist, dass es oftmals auf die Antwort gar nicht ankommt. Das ist wie beim Musikantenstadl: Es ist egal, was gespielt wird, Hauptsache die Atmosphäre stimmt. Wenn die Zillertaler Krachmaxn auftreten wird die Szene anders beleuchtet wie bei Mireille Mathieu. Wenn die Grünen sprechen, ist es eigentlich egal worüber, weil man weiß dann gleich: Aha, Nachhaltigkeit, Vollkorn, Kretschmann. Bei der CDU weiß man: Aha, Staatsmacht, Rindsroulade, Merkel.

Ich gebe immer gerne Auskunft. Aber ich versuche, nicht Zeit künstlich mit meinen Ausführungen zu dehnen. Das ist nicht, weil ich nicht gerne mit Ihnen rede, aber ich schenke Ihnen so ein paar Minuten. Machen Sie was Gutes draus! Räumen Sie Wäsche in den Schrank, suchen Sie ein Kuchenrezept raus, reparieren sie den Wasserhahn, fangen Sie ein Buch an, lesen Sie Zeitung oder rufen Sie mal jemand an, der schon lange drauf wartet. Und reden SIE!